Warum Twitter nicht mehrheitsfähig und Sascha Lobo für Österreich fast zu schade ist
11 Aug 2010
Posted by Lena Doppel
Hurrah! Vor 20 Jahren wurde Österreich ans Internet gekabelt. Die Medien sind voll von "die ersten 20 Jahre"-Beiträgen. Gestern gab es aber unter österreichischen Twitterern einen Aufschrei als der ORF zu diesem Ereignis den deutschen Blogger, Berater und Schnauzbart-Iro-Kombiträger Sascha Lobo ins ZIB 2 Studio schaltet. Ein Piefke? Ein Selbstdarsteller? Hat sich denn kein bescheidener Österreicher gefunden?
Ich muss sagen: Ich mag den Sascha Lobo wenn er sich selbstdarstellt und Trolle und selbsternannte Internet-Anstandswächter provoziert. Gestern war er aber gar nicht so wie ich ihn mag. Er klang ein wenig nach "der Internetpräsident hält eine Neujahrsansprache". Brav war er also, der kleine Schnauzer mit der Iro-Tölle, das hat den einheimischen Twitterern dann doch gefallen. Im Falle einer "wirklichen" Selbstdarstellung wäre vermutlich ein Shitstorm losgebrochen: "Du Piefke erhebst dein Haupt über uns? Rübe ab!"
"Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt sich's ohne ihr." pflegte meine Oma zu sagen. Komisch aber, dass dieses sinnige Sprichwort bei uns nicht so wirklich gelebt werden darf. Der Ösi: zuerst echauffiert er sich am - realen und virtuellen - Stammtisch über z.B. langweilige Politiker, dann fordert er aber sofort den Kopf von jemandem der sich - mehr oder weniger originell - von der Masse abhebt. Selber Schuld wenn man hierzulande das Pflaster der Selbstdarstellung hauptsächlich den rechten Recken der Politik und partymachenden Baumeisterexgattinnen überlässt. Meine Solidarität gilt den Sascha Lobos dieser Welt und allen ÖsterreicherInnen, die Ösiland Richtung AusländerInnenland verlassen mussten um sich endlich "ungestraft" in Szene setzen zu "dürfen".
Neid? Nazi-Trauma? Nachwirkung von Jahrhunderten der schwarzen Pädagogik? Gleichmacherei im letzten real existierenden Land des emotionalen Ostblocks? "Da könnte ja jede kommen!" Tu ich auch. ;-)
Es gab aber auch Gegenstimmen im Chor der Lobo-Basher, einer der Twitterkollegen bemerkte zurecht: Es ist wirklich amüsant wenn sich ausgerechnet Twitterer über Selbstdarsteller beschweren. "Geht noch nach Facebook!" möchte man ihnen zurufen "Und stellt die Sicherheitseinstellungen auf restriktiv!"
Twitter, liebe Leute, ist DAS Netzwerk der Selbstdarsteller, der PR-, Sozial Media-, Technologie-, Justin Bieber- und Weisswurst-Experten. Wir sind alle dort um unsere Witze, unsere Weisheit und unsere Verdauungsprobleme (Rülps!) in die - ganze - Welt zu tragen. Und das ist auch ok so.
Twitter aber ist nicht wirklich massentauglich geworden, Facebook schon. Warum? Gerade deshalb weil es - abseits aller Sicherheitsproblematiken der letzten Zeit - eine "geschlossene Gesellschaft" ist, 500 Millionen geschlossene Gesellschaften um genau zu sein. Für "Freunde" - und nur für die - ist das meiste bestimmt was so auf Facebook gepostet wird. Farmville-Schweinchen mit Namens-Mascherln dran, Kinder- und Urlaubsfotos, Dodl-Tests und Klatsch- und Tratsch, all das ist nicht für die breite Masse bestimmt sondern für den engen oder mittelengen Kreis an Freunden und Bekannten. Selbstdarstellung Light also. Nicht nur im selbstdarstellungs-feindlichen Österreich ist das gefragt: überall auf der Welt bevorzugen Menschen diese Form von Social Media.
Das hat natürlich - neben der anti-selbstdarstellungs-neurotischen - auch eine ganz gesunden Komponente: Tatsächlich - auch wenn das die paternalisierenden unter den Datenschützern nicht gerne hören werden - haben viele Menschen ein gerüttelt Maß an Misstrauen gegenüber der grenzenlosen Offenheit, die das Internet und damit ein Dienst wie Twitter bietet. Deshalb posten sie ihre Kinderfotos ja auch lieber auf Facebook als - for all the world to see - auf Twitter oder einem Blog. Es stimmt auch nicht, dass sich die Facebook Nutzer die Sicherheitseinstellungen nicht ansehen, Studien haben gezeigt dass das ein großer Teil sehr wohl tut (was aber stimmt ist dass diese Einstellungen recht komplex und ziemlich verwirrend im Facebook-Interface verteilt sind).
Kultur-Pessimisten jammern schon seit Jahren (man könnte auch sagen seit Anbeginn der Kultur): Unsere Gesellschaft wird immer narzisstischer, selbstbezogener, egoistischer. Die rücksichtslose Ich-AG wird zur daseinsbestimmenden Definition für die mittelständigen Massen! Ach geh, bei uns doch nicht. Aber in Wirklichkeit: Nirgendwo auf der Welt. Wäre das so, dann hätte nämlich Twitter 500 Millionen User und nicht Facebook.