Lena Doppel opinionated renaissance weboptimist - has words, will use them



iPad: so klappt's auch für die Oma!

11 Apr 2010
Erstellt von Lena Doppel
Disclaimer: Nein, ich bin kein Apple-Fan-Girl. Aber ich bin zertifizierte Apple Support-Professional-Lise, langjährige Apple-Nutzerin (aktuell iMac, MacBook Air und iPhone), und arbeite als Digital Coach. Das iPad ist nichts für mich (man kann nicht damit arbeiten), aber ich kann mir schon vorstellen, dass es als Surf-Werkzeug für Verwandte und Bekannte interessant ist. Bei aller "Magie" sollte man aber eines nicht vergessen: das Ding ist ein Computer und Computer haben ihre Macken. Ich hab mal zusammengeschrieben auf was man als verantwortungsbewussteR AngehörigeR meiner Meinung nach achten muss, wenn Nicht-Nerdige Mamas, Omas oder Onkels ein iPad nutzen wollen.

Auch "magische" Technologien haben so ihre Tücken. Die Chancen stehen hoch, dass das iPad der ersten Generation einige Schwächen des iPhones teilt. Hier ein paar Vorkommnisse aus meiner Arbeitspraxis auf die man achten sollte wenn man seinen Offliner-Verwandten ein iPad einrichtet (speziell wenn es "der einzige Computer" sein soll). Da ich selbst noch kein iPad habe kann ich nur meine iPhone-Erfahrungen extrapolieren. Ergänzungen und Kommentare sind herzlich willkommen.

Das iPad als einziger Computer ist ein potentielles Daten-Massengrab. An sich braucht man einen Computer um ein iPhone oder iPad zu aktivieren, allerdings muss das ja nicht der eigene sein, man kann das auch wen anderen erledigen lassen. Als warnendes Beispiel, was dabei passieren kann: einer meiner Kunden hat (als er noch nicht mein Kunde war :)) beim iPhone-Kauf den Verkäufer im Handy-Laden "gezwungen" das Gerät vor Ort zu aktiveren. Sein Grund: er wollte sein Windows-Laptop nicht mit Apple-Software "kontaminieren" (ja, solche Leute gibt's). Needless to say: das iPhone wurde nicht gebackupt und es wurden auch keine Software-Updates eingespielt. Wozu auch? Das Ding funktioniert ja!  Halbes Jahr später: iPhone kaputt, E-Mails weg, Kalender weg, Adressen weg, Fotos weg, (und wie er dachte auch) Apps weg. Er kam in einer ziemlichen "Scheiss Apple"-Stimmung zu mir und ich konnte ihm auch nur teilweise helfen: Die Apps konnten wir größtenteils rekonstruieren (Apple schickt auch für Gratis-Apps eine Rechnung per E-Mail, von einigen Apps wusste er, dass er sie nutzte), die Mails waren zum Teil noch auf seinem Pop-Account, Notizen, Bilder und Adressen waren aber gone-for-good.

Was kann man also tun, damit das den eigenen Verwandten nicht passiert?

Backupen
Das iPad als einziger Computer ist zwar eine nette Gedankenspielerei, aber in der Praxis erst brauchbar, wenn ALLE Benutzerdaten (zumindestens AUCH) in der Wolke abgelegt werden. Das ist jetzt noch gar nicht möglich und die meisten Apps unterstützen das gar nicht. Auch Cloud-Apps können das nicht für ihre eigenen Einstellungsdaten, Username, Password etc. Deshalb kriegt man auch eine Warnung wenn man eine App vom iPhone löscht: Einstellungsdaten gehen durch das Löschen verloren. Also: wenn die Oma keinen Compi hat, dann stellt ihr einfach einen ausgemusterten PC-Kübel in den Abstellraum, hängt ein Kabel dran und schärft ihr ein, dass sie Montag vormittag das iPad dranhängt. Den Rest kann iTunes automatisch erledigen. Fotos, Kalender-Daten, Adressbuch, Einstellungsdaten und Apps werden so gesichtert. Geht das nicht, dann seid so nett und nehmt zum monatlichen Kaffee und Kuchen-Besuch auch euren Laptop und ein Sync-Kabel mit.

IMAP E-Mail und/oder MobileMe verwenden
Eine recht einfache Übung ist es der Oma den E-Mail Account auf IMAP zu konfigurieren. Hängt sich Pad oder Pod dann auf, dann sind die E-Mails noch da. Alternativ kann - wenn die Oma 99 Dollar Jahresgebühr nicht scheut - auch Mobile Me verwendet werden, damit kann man Mail, Kalender, Kontakte und Safari-Bookmarks mit der Wolke und optional auch mit anderen Rechnern synchronisieren. Bitte aber nicht glauben, dass das dann problemlos läuft. Ich weiss bis heute nicht wer oder was dran schuld ist, dass mich eine Kundin eines Tages mit den Worten "Mein iPhone hat alle meine Kontakte gelöscht" anrief. Ich weiss wohl, dass es wahrscheinlich nicht ihr iPhone war, dass die Kontakte gelöscht hat, aber - huch - auf ihrem iMac waren sie plötzlich auch nicht mehr da. Zum Glück hatte sie ein Macbook auf dem sie noch waren und wir konnten sie restaurieren. Über ein selektives Ausschalten des automatischen Sync-Services ihrer drei Apple Geräte konnten wir den iMac als den Bösewicht ausmachen und aus der Synchronisation herausnehmen. Was dann weiter passiert ist weiss ich nicht, weil ich danach in ihren Augen, ich hatte ihr MobileMe eingerichtet, als die eigentliche "Schuldige" identifiziert wurde und meine Dienste wurden seitdem nicht mehr angefragt.

Cloud-Software nutzen (wo es geht)
Wo es möglich ist (und für die nicht so computerkundigen Verwandten auch zumutbar) sollte man auf dem iPad auch sonst Cloud Applications verwenden. Ein gutes Beispiel ist Evernote, wer damit seine Notizen schreibt hat immer eine Kopie in der Wolke. Das einzige Problem, dass mit der Verwendung dieser Apps auftaucht ist die Notwendigkeit einer Verwaltung der diversen Benutzernamen und Passwörter. Online-Passwortmanager wie 1Passwort sind nur dann brauchbar, wenn iPad-Oma schon ein wenig computerkundiger ist und das iPad nicht als einzige Computer nutzt oder es regelmäßig backupt. Ansonsten versinken nämlich beim iPad-GAU auch die brav am iPad gesammelten Passwörter im Digital-Nirvana. Besser für Ungeübte: Evernote verwenden oder - noch einfacher - die Papierversion: schenkt Onkel oder Oma ein kleines Papierbuch in das er/sie ihre Benutzernamen/Passwortkombis eintragen soll. Das Büchlein sollte an einem sicheren Ort verwahrt und nicht außer Haus herumgetragen werden.

iTunes-Shop-Account ohne Kreditkarte einrichten
Viele meiner ungeübten Computerbenutzer haben ein Problem mit der Herausgabe ihrer Kreditkartendaten an wen-auch-immer (ja, auch an Grandmaster Jobs), manche mir bekannten Omas oder Onkels haben außerdem nicht einmal eine Kreditkarte. Zum Glück gibt es eine Möglichkeit einen iTunes Account anzulegen ohne seine Zahlungsdaten bekannt zu geben. Dazu legt man einfach eine Gratis-App in den - zuvor leeren (!) - iTunes-Einkaufskorb und klickt auf "Zahlen". Im nächsten Fenster wählt man die Option "neuen Account anlegen" aus und füllt Omas Daten ein. Im Screen mit den Zahlungsmöglichkeiten erscheint dann neben den Kreditkarten auch eine Option die "ohne Zahlungsmittel" (oder so) heisst (Bin grad zu faul zum nachsehen, aber das funktionert!). Dann muss man nur noch den Account per Mail bestätigen und Onkelchen kann alle Gratis-Apps herunterladen.

Was sind das für Löcher mit Puzzelstein-Symbolen in den Webseiten?
Ok, das iPad kann kein Flash. Die Tante wird das nicht so sehr stören (es sei denn sie ist bereits ein Farmville-Addict), aber wissen sollte sie es schon. Also bitte erklärt euren Verwandten, dass die puzzeligen Löcher "Flash-Elemente" sind, die das iPad abstürzfreudig, langsam und batteriekurzatmig machen würden, weshalb Herr Jobs ihre Ausführung nicht erlaubt. Omas und Tanten werden sicher verstehen, dass sie ohne besser dran sind, weil Flash ohnehin nur für

  • Werbung
  • schlechte Computerspiele 
  • und Pornos verwendet wird.

An diesem Punkt werden (Vorsicht! Klischee! :)) Opas und Onkels vielleicht ein wenig grummeln. Eine Link-Sammlung an HTML5-Porn kann dem vielleicht abhelfen. Nachdem Porno nicht mein Spezialgebiet ist: Linktipps sind willkommen! :) (Anmerkung: und hier ist auch schon der erste Tipp: http://newteevee.com/2010/04/02/porn-for-the-ipad/ :))

Bücher lesen
Nachdem der iBook Store für Europa noch nicht existiert kann ich auch nur spekulieren ob es auch in Europa möglich sein wird die Projekt Gutenberg Bücher gratis zu lesen. Mit dem oben erwähnten Tipp zum Einrichten eines iTunes-Accounts ohne Kreditkarte kann man allerdings auch einen amerikanischen iTunes-Account anlegen. Vielleicht geht das auch beim iBook-Store? Anglophilen (und kreditkartenbesitzenden) Verwandten kann man die Kindle App für iPad empfehlen. Ebenfalls empfehlenswert der "GoodReader" der meiner Meinung nach beste pdf-Reader für das iPhone. Bücher auf das Teil kriegen erfordert beim Kindle eine Kreditkarte beim GoodReader einen Rechner und das Sync-Kabel.

Internetzugang
iPad ohne Internetzugang? Das geht gar nicht! Ich hoffe hier wiederspricht mir nicht mal ein Fanboy. Wer Oma das bequeme Surfen zu Hause ermöglichen will, der wird ihr ein 3G-Modul oder eine Standleitung mit W-Lan Router aufschwatzen müssen. Standleitungen haben den Vorteil, dass man nicht auf den Verbrauch schauen muss, das 3G-Modul macht einen mobiler. Aufpassen sollte man auf folgendes:

W-Lan
Vielen ADSL-Anbieter bieten inzwischen das ADSL-Modem kombiniert mit einem W-Lan-Router an. Diese Konfiguration ist schon alleine deswegen zu empfehlen, weil dann kein Support-Mitarbeiter sagen kann, dass bei der Standleitung "eh alles in Ordnung" ist und das Problem damit folgerichtig beim W-Lan-Router liegen muss. Aber auch in diesem Fall empfiehlt sich ein W-Lan-Bootcamp-Training für Großmutter, damit die eigene Sonntagsruhe nicht durch "Mein Internet geht nicht"-Anrufe gestört wird. Neben der Einschulung hilft auch ein auf dem Model aufgeklebter Zettel, der z.B. folgende Schritte festhalten könnte:

  1. Internet neu starten: geh zu diesem blinkenden Kastel ("das Modem") und ziehe den Strom aus der Buchse, zähle bis zehn und stecke ihn wieder ein, warte bis das x-te Licht von rechts wieder grün leuchtet / blinkt und probier dann wieder zu surfen, nutzt das nichts probiere 2., blinkt das Licht nicht grün probiere 3. oder 4.
  2. iPad neu starten: drück dazu den Einschaltknopf oben und den großen Knopf unten gleichzeitig und wenn dann ein roter Schieberegler erscheint starte mit diesem das iPad neu, wenn das nichts nutzt und du 1. schon probiert hast geh zu 3. oder 5.
  3. warte eine Stunde, vielleicht hat das Internet Probleme
  4. ruf beim Kundendienst von xyz-Provider unter +43-555-666-08-15 an und sag ihnen, dass dein Modem nicht funktioniert
  5. wenn das alles nichts nutzt: ruf mich an und ich komm nächstes Wochenende vorbei

3G Modul
Onkel oder Oma sollten NICHT in einer Gegend wohnen in der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Ein kürzlich absolvierter Urlaub in der Südoststeiermark brachte zu Tage: "Österreichs bestes Handynetz" bietet am Berg (!), am Fensterbrett (!) Edge und zwei Strich Netzstärke. Websurfen ging gar nicht, Twittern mit Ach und Krach. Besonders gefährlich: den mobilen "High Speed Zugang" in der nächsten Provinzstadt kaufen (da geht er noch ganz gut) und dann zu Onkels Fuchsbau fahren und sich ÄR-GE-RN!
Zweite Falle: das vereinbarte Datenpaket gepaart mit mangelnder Überwachung oder frischem iPad-Besitzerstolz. Mein iPhone hat 3GB im Monat und da bin ich nur einmal annähernd an die Grenze gestoßen: im ersten Monat. Wer ein Paket mit 500 MB erwirbt sollte bei Oma alerdings auch eine Warnung einstellen. T-Mobile bietet z.B. ein Programm namens My-T-Mobile, dass diesen Zweck erfüllt. A1 verschickt SMS wenn man das Datenvolumen zur Hälfte und zu 90% aufgebraucht hat. Bitte jedenfalls kontrollieren, dass das funktioniert und euren Verwandten auch sagen was sie dann tun sollen (z.B. "bis zum 23. des Monats keine Videos mehr ansehen").

Schaut so aus als ob Steve Jobs "magisches Gerät" eine Menge Supportjobs für Verwandte bereit halten könnte. Aber das hat ja auch was Gutes, wird dadurch schliesslich der persönliche Kontakt mit den lieben Verwandten wieder intensiviert. Manche Menschen sollen allerdings ganz glücklich sein, wenn sie ihre Blutsverwandten nicht allzu oft zu Gesicht bekommen. Wenn's also mit Omas iPad nicht klappen sollte und ihr keine Nerven habt den Support zu spielen: ich stelle auch DigiCoach-Geschenkgutscheine aus. :)

Fotocredit: http://www.flickr.com/photos/meetdimdim/4486938726/sizes/m/



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