Lena Doppel opinionated renaissance weboptimist - has words, will use them



You can't fight entropy, oder: Warum "unclutter your life" nicht funktioniert

11 Mär 2010
Erstellt von Lena Doppel

Das Web ist voll von "Experten" die mir erklären wollen wie ich mein Leben mit weniger rumliegendem Zeug "glücklicher und leichter" führen könnte. Ich glaub ja, dass diese Aufräumexperten in Wirklichkeit allesamt verkappte Messies sind, und zwar solche mit puritanischen Vorfahren oder zumindestens einem strengen Über-ich. Schrank-Messies sozusagen. 

Wäre ich eine Verschwörungstheoretikerin, dann könnte ich auch denken, dass es die Schergen des Kapitalismus sind, die mich als brave Anhängerin der Ideologie von immer mehr Zeug, Zeug, Zeug und im Namen des grenzenlosen Wachstums fremder Aktienportfolios rekrutieren und versklaven  wollen. Zuerst soll ich kaufen, kaufen, kaufen, dann soll ich zusammenräumen, zusammenräumen, zusammenräumen; dann - wenn das zusammenräumen nichts mehr nützt, weil die Zeugberge zu groß geworden sind - soll ich wegwerfen, wegwerfen, wegwerfen - und dann alles wieder von vorn. Klingt zwar lustig, glaub ich aber trotzdem nicht. Meine persönliche  Sammel- und  Aufräum-Hölle ist wahrscheinlich mehr einer Kombination von Großeltern-Liebe und Eltern-Terror geschuldet (ja,  ich hatte auch schon zuviel Spielzeug), als zu früher Dagobert-Ducksophie.

Heut kam schon wieder diesmal über alltop so eine Schnarch-Tipp-Webseite rein: "10 more uncluttering things to do every day". Und irgendwie fall ich dann doch immer wieder drauf rein, auf den EINEN Tipp der die Papierstapel auf meinem Schreibtisch magisch zum schmelzen bringen wird, das EINE Rezept mit dem ich meiner Wäsche und meiner Post ohne die geringsten inneren Widerstände Herrin werden kann. Leider ist es dann doch immer das selbe bla, bla, diesmal sogar von verschärfter analer Belanglosigkeit: täglich die Wohnung "resetten" (ja genau, wo war noch mal schnell der Knopf?); täglich staubsaugen (!),damit nichts am Boden stehen bleibt (!!); täglich den Mist runter tragen (!!!), nie einem Raum verlassen ohne dass man was aus diesem Raum in einen anderen trägt (???). Der beste Tipp: "Wenn du mit was fertig bist, räum es weg!" Schnarch & Danke.

Ganz besonders amüsant ist, dass die Autorin dieses weltbewegendes Tipp-Posts, eine gewisse Sherri Kruger eine eigene Website hat auf der sie Menschen Tipps gibt wie sie ihr Leben mehr genießen sollen. Also: Zuerst alles resetten, wegräumen und staubsaugen, DANN genießen. Hmmm, da war doch noch was? Aja, wie wär's damit: gleich genießen und vorher nix wegräumen?

Das erinnert mich an Daniel Goleman mit seinem 90er Jahre Bestseller über die Emotionale Intelligenz. Er hatte damals Kindern ein Keks gegeben (nicht was ihr denkt :)) mit dem Hinweis, dass sie es entweder gleich essen könnten oder ein bisschen warten, dann würden sie noch ein zweites bekommen.

Kinder, die auf das zweite Keks geschissen haben wurden von Goleman als "emotional weniger intelligent" eingestuft. Definitionsgemäß konnten diese Kinder die Keks-Ess-Befriedigung nicht lange genug hinauszögern um das zweite Keks zu bekommen. Das Hinauszögern von Befriedigung als hauptsächlicher Marker für emotionales Erwachsensein? In your anal dreams, my friend! Die Fiktion von Kontrolle, die ein solches Experiment in das Bewältigen des alltäglichen Lebens hineingeheimst ist genau das: Fiktion. Wenn du immer brav den Arsch zusammenkneifst, dann gibt dir das Leben ein zweites Keks. Das Leben ist aber nun mal keine Keks-Austeil-Anstalt. Es ist  beliebig, messy und unberechenbar. Manchmal gibt es ein zweites Keks, manchmal nicht und manchmal kriegen die, die nicht warten sondern sich gleich die ganze Dose krallen, alle Keks und die brav Wartenden gehen leer aus. Sorry to ruin your dreams, folks!

Das Hinauszögern von Befriedigung mag also vielleicht eine veritable Sexualtechnik abgeben, aber den Alltag macht es nicht leichter, nur weil es einem die Phantasie der Kontrolle über Dinge gibt, die man eigentlich  gar nicht so wirklich kontrollieren kann.

Wer das nicht glauben und dann - zwangsläufig - irgendwann mal die Kontrolle über irgendwas verliert, der duscht sich dann vielleicht 10 mal am Tag (besser als staubsaugen) oder er hat vor 1000 Dingen Angst, vor Allergien, Staubmilben, Einbrechern oder MigrantInnen. Im besten Fall schreibt er vielleicht so was wie Payback - das Buch, dann hat er wenigsten was  verdient am Kontrollverlust.

Golemans "EQ" Buch war jedenfalls ein Renner auf der Uni. Ich habe es damals auch gelesen - mit schlechtem Gewissen: ich gehör nun mal zu den Leuten, die SICHER auf kein zweites Keks warten, wenn sie eines in der Hand haben (vielleicht bin ich deshalb noch schlank?). Später hab ich mal im Freundeskreis herumgefragt ob es anderen auch  so geht und siehe da alle (ALLE!) mit denen ich gesprochen habe hatten damals beim Lesen ein schlechtes Gewissen, weil sie selber das Keks auch gleich gegessen hätten. Also entweder kenn ich seltsame Menschen, oder...

  • Kinder essen Kekse nunmal lieber gleich (puritanische Kinder vielleicht nicht, aber katholische sicher, weil die gehen dann beichten :))!
  • Erwachsene machen viel Mist, und räumen ihn erst viel später weg, aber wurscht ist das auch, weil die Entropie gewinnt am Ende sowieso immer!
  • Unclutter Webseiten sind Informationsmist in their own right. So stop worrying, uncluttering and bitching about losing control and simply go on living. 
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